Es gibt keine Regel für das Leben und keine für die Fotografie.

Vor einigen Jahren bat mich Katina, ihren Mann Lefteris zu fotografieren. Die Beiden lebten auf einer abgelegenen griechischen Insel und betrieben eine kleine Strandtaverne, die mittlerweile von ihrem Nachwuchs übernommen wurde. Ich hatte schon die Kamera in der Hand, aber die verneinende Kopfbewegung Katinas, die eigentlich Katharina heißt, war eindeutig. Μεθαύριο. Übermorgen. Das griechische Zeitgefühl unterliegt einer ausgeprägten Dehnungsfuge. Also Übermorgen auf ihrer Terrasse. Katina nickte. Μεθαύριο.

Zur fortgeschrittenen Mittagszeit am übernächsten Tag finde ich mich auf der Terrasse ein. Lefteris war in einem Nickerchen versunken und blinzelt mir überrascht entgegen. In der Küche zischt Fett. Es riecht nach gebratenem Fisch. Als Katina meine Stimme hört, fliegt ein feuchter Lappen nach draußen, mit dem Lefteris die wildgeblümte Tischdecke abwischen soll. Gehorsam folgt er den Kommandos aus dem Inneren, schleppt Teller, Besteck und Gläser herbei und verteilt sie etwas linkisch auf dem Tisch. Er verschwindet und erscheint mit einem Brotkorb und einer Schüssel Tomatensalat. Unterm Arm hatte er noch zwei Flaschen Retsina geklemmt, deren Kronkorken er gekonnt mit den bloßen Fingern aufklippt. Plong. Plong. Katina erscheint mit einer verschrammten Edelstahlplatte voll gebratenem Fisch - von Sohn Andreas heute Nacht gefangen. Während sie noch ihren Auftritt genießt, serviert ihr Mann weitere Platten mit Feta und Oliven.

Griechen beginnen - nachdem man sich flüchtig bekreuzigt hat - meist unvermittelt und zügig mit der Nahrungsaufnahme. Und natürlich mit den Gesprächen, die in dieser Phase nur durch die vollen Münder ausgebremst werden. Erst jetzt bemerke ich, dass Kantinas Haare viel dunkler sind und fülliger fallen. Unter ihrer Kittelschürze trägt sie eine Bluse mit auffälligem Tigermuster. Sie hat sich schick gemacht und möchte wohl auch aufs Foto. Sie bemerkt meine Blicke und lächelt verlegen, um im gleichen Moment mit ihrem Mann zu zetern, weil er zu faul zum Rasieren war. „Ich geh doch nicht auf Brautschau“, kontert Lefteris und seine Augen funkeln unter dem grauen Brauenbewuchs. Er habe immerhin ein frisches Hemd und seinen guten Pullover angezogen. Wir haben moderate 36 Grad auf der schattigen Terrasse.

Ich bin neugierig und möchte wissen, wozu sie die Fotos bräuchten, deretwegen ich einbestellt bin. „Für den Friedhof“, brummt Katina, während sie einen Olivenkern aus dem Munde auf den Teller befördert. Anscheinend habe ich zu lange in die leeren Augen der Makrele geschaut, die abgenagt vor mir liegt. „Warst du noch nie auf unserem Friedhof?“ So langsam dämmert es mir. Auf griechischen Gräbern wird eine Fotografie der oder des Verblichenen in einer wetterfesten Glasvitrine ausgestellt.

Sie seien doch noch viel zu gesund und munter für solch ein düsteres Anliegen, werfe ich pietätvoll ein. „Ich schon, aber der nicht.“, unterbricht mich Katina, indem sie auf ihren Mann zeigt. Augenblicklich biegen sich die Beiden vor Lachen und das Tigermuster wird in kräftigen Wogen durcheinander bewegt.

Mir fällt ein Satz von Thomas Bernhard ein: Es ist alles lächerlich, wenn man an den Tod denkt. Bernhard war Österreicher, kein Grieche. Während Katina sich noch Tränen aus den Augen wischt und ihre Schürze zurechtzupft, hat ihr Mann eine Flasche Ouzo aus der dunklen Küche geholt. Es gäbe nur zwei Fotos von Lefteris. Als Soldaten mit 17 Jahren und als Bräutigam auf ihrem Hochzeitsbild. Solle sie etwa das angegilbte Werk aus dem altertümlichen Rahmen nehmen und in der Mitte durchschneiden? Die Enkel hatten den Opa mit ihren Smartphones fotografiert und gefilmt. Kann man so ein Ding einfach aufs Grab stellen? Vielleicht mit einem Video, in dem Lefteris wie ein Zombie zappelt? Ach was, das Gerät würde geklaut oder der Akku wäre immer leer. Ich werfe ein, dass man auch Fotos aus Handys ausdrucken könne. „Ja, beim Bürgermeister auf Klopapier“. Der Tisch bebt von unserem Lachen.

Nix da, ein richtiges Foto müsse her, eins für die „Αιωνιότητα“, die Ewigkeit oder zumindest für ein paar Jahre. Aber um extra deswegen zum Fotografen auf der großen Nachbarinsel oder gar nach Piräus zu reisen, fehle einfach die „Zeit“. Dabei reibt Katina vielsagend Daumen und Zeigefinger der rechten Hand. Sie geht in die Küche und kommt mit einer abgewetzten Geldbörse zurück. Katina möchte sich nicht lumpen lassen. Was denn so ein Film und die Entwicklung in Deutschland koste? Ich könne ihr auch den belichteten Film überlassen. Drüben auf der großen Nachbarinsel gäbe es einen Supermarkt, bei dem man das Döschen bestimmt abgeben könne. Ich entnehme meiner Kamera die winzig-kleine SD-Karte und drücke sie ihr in die Hand. Danke für den Fisch! Lefteris kichert in seinen eisgrauen Schnauzbart und lässt die Ouzo-Flasche kreisen.

Damit ist mein Job klar umrissen. Ich möchte noch wissen, wie groß das Bild werden solle? Katina zeigt ihre Handfläche und wiegt abschätzend den Kopf. Nicht größer. Lefteris nickt. Bislang hatte er wenig zu den Verhandlungen über sein posthumes Erscheinungsbild beigetragen, nun meldete sich vehement zu Wort: Er wünsche sich eine „Ασπρόμαυρη φωτογραφία“, eine Schwarzweiß-Aufnahme. Die Farbfotos würden unter der hellenischen Sonne schnell verblassen. In einem blau-, grün- oder rotstichigem Zustand wolle er der Nachwelt nicht in Erinnerung bleiben. „Ασπρόμαυρη“, darauf noch ein Ouzo.

Zwei Jahre später, an einem sonnigen Novembertag, ist der Fischer und Köhler Lefteris S. verstorben. Unrasiert, mit trotzigem Blick und mit lichtbeständiger Piezo-Tinte gedruckt, präsentiert er sich fortan den Besuchern des kleinen Friedhofes über dem ägäischen Meer.

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